Predigt von Regionalbischöfin Marianne Gorka
Zur Ordination von Pastorin im Probedienst Hanna Lechler
Ordinationsspruch: Jesaja 41,10
St.-Petri-Kirche Hänigsen
„Auf Dschungelpfaden wandern und auf Augenhöhe mit Faultieren sein?
Bei unseren Entdeckertouren ist für alle Interessen etwas dabei – egal ob als Geschenk, Betriebsausflug oder mit der Schulklasse.
Und das Besondere: Sie erleben nicht nur unsere Tiere auf eine völlig neue Art, Sie haben auch die Chance, mit unseren Tierpflegern ins Gespräch zu kommen und Ihnen all Ihre Fragen zu stellen.“ –
so werden Besucherinnen und Besucher animiert, unter der Führung durch kundige Tourenlotsen den Zoo Leipzig zu besuchen:
„Es gibt Einsteigertouren für neugierige Erstbesucher, Abenteuertouren für Wissenshungrige, Exklusivtouren für echte Fans, Abendtouren für Nachtaktive. Und sogar Touren „Der Liebe auf der Spur.““.
„Sie haben Spaß daran, Neugier zu wecken und Wissen zu vermitteln? Sie wollen Teil eines attraktiven Teams in einer spannenden Umgebung sein? Dann sind Sie bei uns genau richtig!“, wirbt der Zoo für diese Aufgabe der Tourenlotsen.
Voraussetzung ist: sicheres, engagiertes und serviceorientiertes Auftreten, Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, Inhalte lebendig und zielgruppenspezifisch zu vermitteln und zu begeistern, Sprachgewandtheit und Flexibilität, einsatzfähig auch in den Abendstunden, an Wochenenden und Feiertagen …
Nicht, dass Kirche auch mitunter ein ganz schöner „Zirkus“ oder „Zoo“ sein kann. Aber nein, darauf will ich gar nicht hinaus –
aber ich musste doch schmunzeln beim Blick in den Ausbildungs-Werdegang Ihrer neuen Pastorin und beim Entdecken so mancher Parallele, zu dem, was eine Pastorin/ein Pastor so tut.
Da finde ich, ist es ist gar nicht so schlecht, wenn man in so einem Job der Tourenlotsin, Erfahrungen sammeln konnte. Bei Ihrer Pastorin, bei Hanna Lechler, ist das nämlich so. 😉
Vielleicht war es auch die Zeit in Südafrika, die irgendwie die Brücke zu den „Big Five“, zu Löwe, Leopard, Elefant, Nashorn und Büffel, geschlagen hat?!
Denn dort hattest du, liebe Hanna, bereits ein Studiums-Jahr an der Universität in KwaZuluNatal, inkl. Gemeindepraktikum in Pretoria absolviert, ehe du nach Leipzig gingst, um dort das Studium fortzusetzen, das du vor all dem in Neuendettelsau begonnen hattest.
Entdeckertouren, Flexibilität und Sprachgewandtheit also schon mal inbegriffen in diesem Werdegang.
Und davon – offensichtlich – hast du, liebe Hanna, eine gehörige Portion schon von zuhause aus mitbekommen. Du bist in einem Pfarrhaus groß geworden, erst in Peine, später in Nienburg.
Ein buntes Gemeindeleben auf der einen Seite: von Kindergottesdienst bis Senior:innenkreis, von Abendgebet bis Jugendarbeit. „Spielerisch“, so sagst du, bist du mit all dem aufgewachsen. Dein Vater als Pastor und später Superintendent hat dich oft mitgenommen; andere haben dich ebenso selbstverständlich mithineingenommen und anfangs mit kleinen, später mit wachsenden Aufgaben betraut. So bist du – dein Wort so schön dafür – so nahtlos „rübergerutscht“ in die Aufgaben.
Hinzukamen die schönen Routinen von christlicher Glaubenspraxis, die es in eurer Familie gab, die dir bis heute wichtig geblieben sind: das Abendgebet, Tischgebete, lebhaft zu diskutieren und auch die Partnerschaftsarbeit, das offene, gastfreie Haus, Besucher:innen aus Afrika, Südamerika, aus der Ökumene diverser Länder. Und du hast erst in späteren Zeiten gecheckt, das ist gar nicht so normal, wie es dir immer schien. Das ist nicht überall und bei allen so. Herrlich – so wünschte man sich das eigentlich, dass es so normal ist, über Ländergrenzen und Nationen hinweg zusammenzukommen, sich kennenzulernen, den eigenen Horizont zu weiten, Gemeinsamkeiten zu entdecken und als Stärke zu pflegen. So ist es nicht verwunderlich, dass dein Weg nach dem Abitur dich zunächst für ein Diakonisches Jahr ins Ausland führte, nach Südafrika, beim Verein Siyabonga, den „helfenden Händen für Afrika“, mit diversen Aufgaben von Hausaufgaben- und Familienhilfe bis zu Übersetzungsarbeiten und Fußballtrainings.
Entdeckertouren, Flexibilität und Sprachgewandtheit also auch hier.
Man könnte meinen: Angst ist deine Sache nicht!
Und doch:
„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir;
weiche nicht, denn ich bin dein Gott.
Ich stärke dich, ich helfe dir,
ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“
So lautet dein Ordinationsvers, den du dir gewählt hast.
Dieser Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja ist kein lauter Triumphspruch. Und obwohl er so klingt und manchmal auch so gedeutet wird – ich halte ihn für keinen Befehl, kein Leistungsauftrag.
Er ist ein Zuspruch. Ein Satz, der Menschen gilt, die unterwegs sind, die Verantwortung übernehmen, die manchmal zweifeln und trotzdem gehen.
Welch starker Vers, liebe Hanna, für deine Ordination.
Denn wer ordiniert wird, ist nicht jemand, der oder die alles schon weiß, alles kann und allem gewachsen ist. Ordiniert wirst du, eine Pastorin, die sich auf den Weg gemacht hat – mit Mut, mit Ausdauer, mit Herz und mit einer tiefen Vertrautheit mit Gott.
Ich kenne dich schon sehr lange. Als ich Pastorin im Kirchenkreis Nienburg war, warst du noch ein Kind, später eine Jugendliche. Du bist im Pfarrhaus groß geworden, ja – aber wer meint, damit sei der Weg vorgezeichnet oder gar bequem, der kennt das Leben nicht. Du hast dir diesen Berufswunsch nicht leicht gemacht, nicht von zuhause „mitgenommen“, du hast ihn dir erarbeitet. Schritt für Schritt. Mit Umwegen, mit Fragen, mit einem langen Ausbildungsweg, der dich gefordert hat – geistig, geistlich und menschlich. Wer weiß, wie oft in echt du es dabei mit dem Fürchten zu tun bekommen hast?!
„Fürchte dich nicht.“
Das sagt Gott im Jesajabuch zu einem Volk im Exil, verunsichert, fremd, ohne festen Boden unter den Füßen. Und vielleicht passt dieser Satz gerade deshalb so gut. Dein Weg hat dich früh über Grenzen geführt: in andere Länder, in andere Kirchen, andere Kontexte, andere Wirklichkeiten. Du hast gelernt – und es so mitbekommen – , über den eigenen Tellerrand hinauszusehen – nicht aus Neugier allein, sondern aus echter Beziehung. Gäste im eigenen Haus, Partnerschaften, Begegnungen, das Hören auf andere Stimmen. All das hat dich geprägt. Denn wir sind doch alle nur Gäste im Hause Gottes.
Und mitten in den fernen Landen, in Pietermaritzburg, ist da ein Pastor, der dich direkt darauf anspricht, Pastorin zu werden; dich auf Gedanken bringt, die du dir selbst vielleicht noch gar nicht sicher zugetraut hattest. „Probier es doch wenigstens ein Semester“, hat er gesagt.
Mit anderen Worten: „Fürchte dich nicht“. Gottes Stimme in diesem Moment durch diesen Menschen. Kein Drängen, kein Zwang – eine Einladung, einen Schritt zu wagen.
„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir.“
Dieser Satz ist kein Versprechen auf einen leichten Dienst. Du wirst als Pastorin Menschen begegnen in Freude und Dankbarkeit, aber auch in Trauer, in Konflikten, in Überforderung.
Du wirst Entdeckertouren durch ihr jeweiliges Leben machen und darfst hier und dort die Lotsin sein, durch glückliche oder schwere Übergangssituationen zu führen.
Du wirst predigen, als wenn dir die Worte zufließen – und manchmal auch, obwohl sie dir schwer auf der Seele liegen.
Du wirst gestalten, begleiten, leiten, aushalten. Und du wirst immer wieder neu lernen müssen, dass du diesen Dienst nicht nur aus eigener Kraft tust. Vielleicht gar nicht mal so sehr. Als vielmehr in der Kraft und unter dem Segen Gottes: Fürchte dich nicht. Ich bin mit dir.
Das ist der Kern unseres pastoralen Dienstes. Nicht wir tragen Gott zu den Menschen – sondern Gott trägt uns zu ihnen. Und dann sind wir nicht Lotsen Ihres Lebens. Auch wir sind immer nur mit. Seelsorgende, Handreichende, Begleitende.
„Ich stärke dich, ich helfe dir.“
Wer dich kennt, weiß: Du hast eine besondere Aufmerksamkeit für Menschen. Du willst nichts überstülpen, kein fertiges Programm liefern. Du hörst zu. Du fragst nach dem, was Menschen bewegt – Kinder, Familien, Ehrenamtliche, junge Leute. Für eine Kirche, die größer ist als der eigene Kirchturm und zugleich ganz nah am Leben der Menschen sein möchte. Diese Haltung ist eine große Gabe in dieser Zeit. Sie entspricht genau der, die hier spricht: Gottes Kraft, die stärkt, hilft, trägt – nicht von oben herab, sondern an unserer Seite. Wir an Gottes Hand.
„Ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“
Das ist vielleicht der stärkste Satz dieses Verses. Gott hält. Nicht nur, wenn wir fest stehen, sondern gerade dann, wenn wir ins Schwanken geraten. Sie erschöpft sich nicht in Geboten. Sie reicht dir die Hand immer und immer wieder neu, auch wenn du jedes Gebot übertreten hast. Sie richtet auf, sie gibt Halt, sie schenkt Orientierung.
Liebe Hanna, heute wirst du ordiniert. Wir legen dir heute die Hände auf, um dir zu zeigen: Eine ganze Kirche freut sich und vertraut dir den Dienst der Wortverkündigung und der Sakramentsverwaltung an. Aber noch wichtiger ist: Gott selbst reicht dir seine Hand, segnend, haltend – heute und an jedem Tag deines Dienstes.
Auf den Dschungelpfaden des Lebens oder auf Augenhöhe mit Faultieren – du wirst den Glauben, der dir selbst ein großes Geschenk ist, für Entdeckertouren oder Ausflüge vermitteln, sprachgewandt, flexibel, entdeckerfreudig, in Abendstunden, an Wochenenden und Feiertagen …
Das Schönste dabei ist: Du wirst das Leben immer wieder auf eine völlig neue Art erkunden, mit der großen Chance, mit unglaublich vielen Menschen ins Gespräch zu kommen – und sie mit dir. Ob Einsteiger, neugierige Erstbesucher, Abenteurer:innen, Wissenshungrige oder exklusive Fans: Ich bin sicher, sie dürfen dir all ihre Fragen stellen. Und dann seid ihr unterwegs, gemeinsam – immer auf der Spur der Liebe Gottes, die bei uns nicht neu ist, sondern seit Jahrtausenden gelegt, bis ins Unendliche, in alle Ewigkeit hinein!
Willkommen im Team, liebe Hanna! Eingebunden in eine Gemeinde, in ein Kollegium, einer davon sogar dein Ehemann, lieber Daniel; in eine Familie, mit Nora und eurer beider Ursprungsfamilien, mit Freund:innen und so vielen Wegbegleiter:innen. Und alle gemeinsam getragen von Gottes Zuspruch:
„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“
Amen.