Ein neues Fach für's Leben
Es ist vielleicht DAS innere Möbelstück: Die Kommode mit ihren Schubladen.
Täglich in Gebrauch: Schublade auf - Mensch rein - Schublade zu. Label drauf. Alles klar. Es lebe das schnelle (Vor-)Urteil !
Der Ton wird rauer - allüberall ist das zu beobachten und wird beklagt.
Zu Beginn des neuen Schuljahres in der kommenden Woche habe ich einen Traum: Neben Sprachkenntnis, den Grundrechenarten und anderen Dingen, die wichtig zu wissen sind, steht ab sofort ein neues Fach auf dem Lehrplan: "Empathie" oder "Mitgefühl". Egal, wie man's genau nennt - mindestens einmal pro Woche geht es darum, sich in die Lebenswelt eines Anderen hineinzuversetzen. Sich dafür zu interessieren, warum er so handelt, wie er handelt oder sie so tickt, wie sie tickt. Dabei geht es um das echte Bemühen, den anderen zu verstehen - seine Erlebnisse, ihre Ängste, seine Perspektive wahrzunehmen.
Und natürlich haben wir Erwachsenen es genauso nötig, in diesem Sinne die Schulbank zu drücken. Zu üben. Zu trainieren. Nicht nur den Bizeps oder den Beckenboden, sondern den Muskel, der das Miteinander in der Gesellschaft und unter Menschen fördert.
Schublade auf - . - Label drauf! So möchte ich es nicht erleben und deshalb auch anderen nicht zumuten. Jesus bringt das Prinzip der Gegenseitigkeit in der Bergpredigt auf den Punkt: "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut ihnen auch!" (Mt 7,12).
Ein neues Fach für's Leben. Meine alte Kommode kann raus.
Kirsten Kuhlgatz
Pastorin der Ev.-luth. Kirchengemeinde Lehrter Land und Klinikseelsorgerin im KRH Siloah