Warum ich dieses Lied so gerne singe
Als Lektorin und Chorsängerin ist mir Singen ein Herzensanliegen. Es öffnet mein Herz, wie es gelesene oder gesprochene Sprache nicht schafft. Das habe ich im sommerlichen Gottesdienst der Lehrter Nikolauskirche wieder erlebt, als wir uns mit Paul Gerhardts Lied „Ich singe Dir mit Herz und Mund" beschäftigten und viele Strophen daraus sangen.
Dieses Jahr jährt sich sein Todestag zum 350. Mal. Das Lied ist mit 18 Strophen das längste im Evangelischen Gesangbuch, gedichtet 1653, nur fünf Jahre nach dem Grauen des Dreißigjährigen Krieges. Auch sein eigenes Leben war von schweren Verlusten - heute würden wir sie „Traumata" nennen - geprägt: Mit 15 Jahren Vollwaise, später starben seine Frau und vier seiner fünf Kinder. Und dennoch dichtete er kein Klagelied, sondern ein wahres Loblied.
Die ersten sechs Strophen staunen über das scheinbar Selbstverständliche: Himmel, Regen, Nahrung, Schutz vor Kälte. Die mittleren Strophen danken einem nahen Gott als persönliches Gegenüber, der sehr genau weiß, was uns Menschen betrübt. Und die letzten Verse fragen: Was verändert sich, wenn wir das verinnerlichen? Paul Gerhardts Staunen würden wir heute vielleicht „Achtsamkeit" nennen - achtsam hinschauen und daraus Dankbarkeit und Zuversicht ziehen.
Für mich steckt die Essenz genau darin, in dieser Zeile: „Wohlauf mein Herze, sing und spring und habe guten Mut." Zuversichtlich sein - trotz allem, was das Leben schwer macht. Diese Zuversicht ist kein naiver Optimismus, sondern ein großes „Trotzdem", das auch in heutigen Zeiten seine Kraft entfaltet.
Ariane Bödecker
Lektorin in der Ev.-luth. Gesamtkirchengemeinde Lehrte