Nächstenliebe per Kreuz
Wäre Jesus wählen gegangen? Abgesehen davon, dass Demokratie damals noch kein Thema war… Aber wenn er heute z.B. in Sehnde oder in Steinwedel wohnte, dann müsste er auch am Sonntag in eine Schule mit diesen Wahlkabinen, müsste sich ausweisen und auf einem riesigen Zettel mit vielen Namen ein Kreuz machen.
Ich glaube nicht, dass es Christen bei Wahlen leichter haben. Aber es gibt gute Gründe, warum gerade Christen ihr Wahlrecht nicht einfach verschenken sollten. 1. Demokratie ist keine Naturerscheinung wie Regen oder eine Erkältung. Sie lebt davon, dass Menschen mitmachen. 2. In vielen Teilen der Welt riskieren Leute ihr Leben, um freie Wahlen zu bekommen. Wenn ich dann sage: „Ach, anderes ist wichtiger“, ist das etwa so, als würde ich die Einladung zu einem tollen Abendessen absagen, weil ich mir schon ein Brötchen geschmiert habe. 3. Wahlen sind der einzige Ort, bei dem eine Bischöfin, eine Krankenschwester, ein Bauarbeiter und ein Profifußballer exakt gleich viel Gewicht haben: nämlich ein Kreuzchen.
Und die Politik kommt einem in den praktischen Fragen des Lebens plötzlich so nah: Wer entscheidet, ob mein Kind sicher mit dem Fahrrad zur Schule fahren kann? Wer sorgt für genügend Personal im Pflegeheim, damit mein Vater nicht drei Stunden auf Hilfe warten muss? Wer bestimmt, ob die Schuldnerberatung weiter Zuschüsse bekommt, oder ob die Betroffenen das halt demnächst selbst organisieren müssen? Politik ist nicht nur Brüssel und Berlin, sondern auch Bushaltestelle, Müllabfuhr und Krankenhaus.
Jesus hat nie gewählt. Aber er hat Verantwortung eingefordert. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ – das ist keine Achtsamkeitsübung, sondern eine Handlungsanweisung. Und Nächstenliebe lässt sich am Sonntag bei der Wahl eben auch mit einem Kreuzchen ausdrücken. Nicht perfekt oder endgültig, aber doch besser als nichts, oder? Vor allem, wenn wir uns fragen: Was bedeutet meine Stimme für die, die keine Stimme haben? Für die Kinder, die Fremden, für die ohne Lobby?
Am Ende ist das Wahlrecht eine Zumutung. Man muss sich entscheiden, ohne alle Antworten zu haben. So wie Petrus, der aufs Wasser gegangen ist, obwohl er wusste: Eigentlich kann ich das gar nicht. Und genau das braucht diese Demokratie – nicht nur Sonntag morgen.
Birgit Hornig
Diakonin im Kirchenkreis Burgdorf