Das kleine WIR
In öffentlichen Reden und Debatten geht es häufig um das Wir. Vor allem Politikerinnen und Politiker richten sich an die Menschen in einem Ort, einer Kommune, einem Bundesland oder sonst wo und an ihr „Wir-Gefühl“. Viele meinen zu wissen, dass es ein Wir braucht, gerne auch mehr davon. Doch nur wenige können auch die Frage beantworten, woher dieses Wir eigentlich kommt.
Warum nicht einfach die Kinder fragen? Sie wissen: Das WIR hat ein grünes Puschelfell, eine rote Nase, drei kleine Blumen in den Haaren und rote Gummistiefel an den Füßen. Es ist ein freundliches Wesen, liebt Tee und Kekse und wohnt in unserem Herzen. Das WIR ist immer mit dabei, egal wo wir sind und was wir machen, auch wenn ich es nicht sehen kann. Denn es verbindet verschiedene Menschen auf wundersame Weise. Mit dem WIR fühlt man sich mutiger und abenteuerlustiger. So beschreibt es Daniela Kunkel in dem bekannten Kinderbuch „Das kleine WIR“. Doch wenn es Streit gibt und andere schlecht gemacht oder beschimpft werden, schrumpft das WIR zusammen. Immer kleiner und schwächer ist es dann und verkriecht sich in die letzte Ecke des Herzens.
Obwohl Jesus das kleine WIR nicht kannte, forderte er dazu auf, anderen zu vergeben, selbst wenn man durch sie verletzt worden ist. Er wusste, dass Vertrauen nicht sofort wieder hergestellt werden kann. Meinen Frieden mit mir selbst und mit Gott finde ich nur dann, so die biblische Botschaft, wenn ich vergeben und Fehler eingestehen kann.
Wenn jeder alleine nach dem WIR sucht, lässt es sich nicht finden. Gerade nach Streit und Verletzung braucht das WIR Zeit, offene Ohren und Worte wie „Es tut mir leid“ und „Ich verzeihe dir“. Das Puschelmonster und Jesus machen gleichermaßen Mut. Erst wenn ich verletzlich werde, kann ich stark sein. Hier liegt der Ursprung des „Wir-Gefühls“.
Sebastian Hohensee
Pastor der Ev.-luth. Gesamtkirchengemeinde Sehnde-Rethmar-Haimar