„Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben.“ (Johannes 10,10)
In den endlos-schönen sechs Wochen der Sommerferien passiert oft nichts Besonderes und dann doch das volle Leben. Für endlos-schöne sechs Wochen spielt die Zeit keine Rolle, weil die Tage lang und die Nächte kurz werden, bis sie ganz ineinander ragen.
In einem solchen Sommer trafen sich zwei Schulfreunde jeden Tag. Sie saßen an der Aue, ließen die Füße ins Wasser hängen, redeten über alles und über nichts. Sie gingen nebeneinander durch die warmen Straßen der Stadt, teilten sich eine Portion Pommes und die Kopfhörer, und sie stritten sich über die beste Eissorte und die Lieblingsband und verglichen, wer die meisten Mückenstiche hat. In diesem Sommer haben sie erfahren, dass sechs Wochen eine Ewigkeit sein können: Sie verliebten sich.
Nicht auf den ersten Blick und nicht mit großen Worten. Eher so, wie der Sommer kommt – Tag für Tag immer ein bisschen mehr, bis irgendwann Tage und Nächte ineinander ragen. Die Hände berühren sich etwas länger als sonst, das Lächeln des anderen löst auf einmal im Magen ein wohlig-nervöses Ziehen aus, und der erste verschämte Kuss lässt eine Ahnung aufsteigen, dass das Leben groß und wunderbar sein kann. So stand die Zeit still und es passierte doch das ganze Leben, in den endlos-schönen sechs Wochen, in denen Tage und Nächte ineinander ragen.
Als die Ferien endeten, endete auch diese Liebe. Die Wege trennten sich, wie Wege sich manchmal trennen, ohne dass jemand daran schuld wäre und ohne besondere Gründe. Die Hände berühren sich nicht mehr so lang, das wohlig-nervöse Ziehen bleibt aus, der Streit wird mehr, das Lachen weniger. Die erste Liebe ist immer die Größte, aber selten die letzte. Auch diese Erfahrung hielt der endlos-schöne Sommer damals bereit.
Jahre später ist von dieser Liebe kaum etwas geblieben. Keine gemeinsamen Pläne. Keine gemeinsamen Fotos mehr. Vielleicht nicht einmal dieselbe Erinnerung an die gemeinsamen Tage und Nächte.
Geblieben ist aber das Versprechen, dass das Leben sich lohnen kann.
Dr. Jan Holzendorf, Schulpastor an der BBS Burgdorf