Ein Morgenritual
Er wohnt im Haus gegenüber. Wir schauen von unserem Esstisch direkt auf seine Fenster, gleiche Etage. Auf den drei äußeren Fensterbänken aus geschichtsträchtigem Sandstein stehen Blumentöpfe. Jeden Morgen macht er die Fenster auf, guckt einmal nach unten auf das Treiben in der Altstadtgasse. Dann widmet er sich seinen Pflanzen. Er sieht noch etwas verschlafen aus, doch jetzt beginnt seine Zeit. Das sorgfältige Betrachten der grünen Blätter. Manchmal nimmt er eine kleine Schere zur Hand. Er knipst ab, was angetrocknet ist. Er verschiebt die Töpfe. Er streicht über die Blätter, als wollte er ihnen sagen: „Macht euch keine Sorgen, ich kümmere mich um euch“. Dann wird mit einer Gießkanne vorsichtig bewässert, was zu seinem Stadtgärtchen gehört. Das Ritual dauert jeden Morgen ungefähr fünfzehn Minuten, mitten in unserer Frühstückszeit. Er interessiert sich nicht dafür, was gegenüber passiert. Er hat nur Augen für seine ihm anvertrauten Pflanzen. Und am nächsten Morgen hat er wieder was zu tun.
Mir gefällt, wie versunken er in diesen Momenten ist. Vielleicht geht er in Gedanken spazieren. Oder er freut sich auf die Enkeltochter, die am Abend klingeln wird. Es kann sein, dass er an gar nichts denkt, außer dem, was er sieht und zart berührt.
Rituale bergen und rahmen das Leben mit allen Wiederholungen und Überraschungen. Sie heben, was grünt und glänzt. Sie zünden ein Licht an, wenn es finster ist. Manchmal flüstert es aus ihnen heraus in einer gottesdienstlichen Feier, wer weiß von woher, in diesem einen Moment: „Macht euch keine Sorgen. Ich kümmere mich um euch“.
Christine Behler
Pastorin zur Mitarbeit im Ev.-luth. Kirchenkreis Burgdorf,