Clown Ferdinand
Ein Begleiter meiner frühesten Kindheit war Clown Ferdinand. Mit seinem Planwagen und dem Papagei Robert zog er durch die Lande. Wenn Menschen nicht weiterwussten, war er plötzlich da. Ob vor dem Fernseher oder dem Plattenspieler, oft musste ich bangen. Jetzt macht Ferdinand bestimmt alles noch schlimmer! Wie ein Experte sah er wahrlich nicht aus, mit seinen abstehenden Haaren, der roten Nase und der Sonnenblume an der Hose. Doch mit Kreativität und seinem großen Herz löste er heikle Situationen.
Jiří Vršťala entwickelte die Figur ab 1955. Ihr Humor überwand die Grenze zwischen Ost und West. Sein Kostüm gehört heute zum Stadtmuseum Berlin.
Vergangene Woche war ich in Berlin. Ich besuchte die Gethsemanekirche, einem zentralen Ort der friedlichen Revolution von 1989. Beim politischen Abendgebet hörte ich von Gefangenen in Belarus, die 2020 gegen die gefälschte Wahl protestierten. Frauen und Männer, jung bis alt, zu hunderten, sind von ihren Familien und Kindern getrennt und sitzen in Haft.
An dem Abend wurde der Dankesbrief einer Inhaftierten an Diplomaten der EU und NGOs verlesen. Ich hörte ihre Worte und schämte mich einerseits dafür, wie selbstverständlich ich meine Freiheit oft nehme. Vor 37 Jahren brach sie durch und muss doch immer wieder neu ausgehandelt, wenn nicht vehement verteidigt werden. Zugleich schenkten mir die Worte und die Beharrlichkeit der Gefangenen Zuversicht.
Ein Clown löst keine politische Gefangenschaft. Aber Ferdinand zeigt mir etwas. Wer zunächst unbeholfen wirkt, kann einen Ausweg entdecken, den andere übersehen. Daraus kann gemeinsames Handeln wachsen wie ein Brief, ein Gebet, öffentlicher Widerspruch, hartnäckiges Verhandeln. Auch wenn ich mich oft kraftlos und wenig überzeugend finde. So kann ich etwas in Bewegung bringen. Ein gutes Herz, eine kreative Idee und gemeinsame Schritte mit anderen können ein Anfang dafür sein. Amen.
Sebastian Hohensee
Pastor der Ev.-luth. Gesamtkirchengemeinde Sehnde-Rethmar-Haimar